Kir-messe

Eigentlich ist die Düsseldorfer Weinfachmesse ProWein eine durch und durch seriöse Angelegenheit. Distinguierte Damen und Herren im Businesslook bevölkern die Gänge und Stände, mit strenger Miene werden Hektoliter Wein verkostet, und die gelegentlich durch die Menge wankenden, mehr oder weniger alkoholisierten Zeitgenossen fallen kaum ins Gewicht.

Umso erstaunter ist der geneigte Besucher, wenn ihm libanesische Bauchtänzerinnen nabelschwenkend entgegen kommen, wenn der Beethoven von links und der Jazz von rechts die schönste musikalische Kakophonie bilden, wenn langbeinige, kurzberockte Hostessen auf sich, pardon, auf die Produkte ihres Ausstellers aufmerksam machen wollen... Dann fühlt man sich ganz schnell nicht mehr wie auf einer seriösen Fachmesse für Anbieter und - hoffentlich - bedeutungs- und budgetschwere Einkäufer, sondern auf einer Mischung von Kirchweih und orientalischem Basar.

Ob die ProWein so etwas nötig hat, darf bezweifelt werden. Dass Einkäufer des LEH, dass Fachhändler oder Gastronomen sich von Bauchtänzerinnen dazu verführen ließen, in großem Format zu ordern, kann ich mir nur schwer vorstellen. Das sei ja auch gar nicht der Sinn der Sache, belehrte mich ein scharfsinniger Beobachter des bunten Treibens. Es gehe dabei ja vielmehr um die Busladungen von Angestellten der großen Lebensmittelketten, die man durch solches Spektakel durchaus dazu bewegen könne, die Weine dieses oder colocation jenes Anbieters etwas besser im Regal zu platzieren. Vielleicht hat er Recht. Dann böte es sich aber an, für diese Herrscher des Weinregals vor den Messehallen eine kleine Zeltstadt mit Zauberern, Gauklern, mit Tanz und Schnaps, Musik und kleinen Häppchen aufzubauen. Das wirklich am ernsthaften Geschäft interessierte Messepublikum hätte dann zumindest seine Ruhe.

Noch etwas hat an der letzten Kir-messe erstaunt. Wer der Meinung war, dass es für private Endverbraucher schwer sei, auf das gut abgeschirmte Gelände vorzudringen, der musste sich bei der Lektüre so manches Internet-Chatrooms eines besseren belehren lassen. Da diskutierten absolut nicht-professionelle User über ihre Erfahrungen auf der Messe, gaben sich Tipps, was, wo unbedingt zu besuchen sei und verabredeten sich zum gemeinsamen Schluck bei diesem oder jenem Aussteller. Zum größten Teil waren sie alle wahrscheinlich durch Gefälligkeitsbescheinigungen befreundeter Fachhändler oder Gastronomen auf die Messe gelangt - wer könnte die auch seinen besten Kunden abschlagen, wenn sie ihn "überzeugend" anbetteln. Da sich solche Privatprofis bei der Registrierung kaum als Endverbraucher outen, sind sie für die Messe nur schwer aus- und festzumachen.

Aber auch die Messe trägt ihr Teil zur Happy-Hour-Stimmung am späten Nachmittag bei. Spätestens um kurz vor fünf, so konnten wir bereits am ersten Messetag am Eingang Nord beobachten, sind die Sperren geöffnet und es steht jedermann frei, sich noch ein zwei nette Stunden zu machen ... mit den entsprechenden Gläschen in der Hand. Dass dabei dann auch die eine oder andere Kiste von Messeständen verschwindet, ist fast unumgänglich. Unvermeidlich ist es nicht, wenn mit den Eingangskontrollen auch gegen Messeschluss ein wenig mehr Ernst gemacht würde.

Zu wünschen wäre, dass Fachhandel und der Gastronomie angehalten werden, wirklich nur ihr Personal mit Messeausweisen auszustatten. Das setzte sich natürlich entsprechende, stichprobenartige Kontrollen und namensgebundene Ausstellerausweise voraus. Dazu gehörte aber auch, mit den unseligen Einladungskarten Schluss zu machen, von denen ich allein ein halbes Dutzend von wohl meinenden Ausstellern erhalten habe. Irgendwie grenzt es schon fast an Beleidigung, zu glauben, ein wirklicher Profi käme nur auf die Messe, wenn man ihm die Eintrittskarte schenkte...

Vielleicht wundert sich der eine oder andere Leser über die Strenge und Unnachsichtigkeit in diesen Zeilen. Aber das Beispiel der alkoholfahnenschwenkenden Horden, die Jahr für Jahr die Vinitaly in Verona unsicher machen - inklusive der unvermeidlichen Kleinkriminalität, die in solchem Ambiente Urständ feiert - sollte abschreckend genug sein, um den Auswüchsen frühzeitig Einhalt zu bieten.

Viel Spass bei der Lektüre wünscht Ihnen